Kohle zu Benzin

Kohle zu Benzin

Der Weg von der Kohle zum Benzin

Der Weg von der Kohle zum Benzin

Wintershall A.G., Werk Lützkendorf

Wintershall A.G., Werk Lützkendorf

Synthese


Anfang der 30-er Jahre gab es drei Verfahren zur Kohleverflüssigung. Dabei handelte es sich um die Kohlehydrierung durch das Bergius-Pier-Verfahren, die Kohlesynthese durch das Fischer-Tropsch-Verfahren und die Extraktion durch Edgar v. Boyen. Während die beiden erst genannten Verfahren sich zur synthetischen Benzinerzeugung eigneten, erhielt man bei der Extraktion Mineralöl und Wachs. Der sogenannte Montanwachs war bei der Extraktion jedoch das angestrebte Hauptprodukt.
Das Hinwenden und Herausbilden zur Kohlechemie in Deutschland hatte mehrere Faktoren, die diese Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg begünstigten. Durch den Versailler Vertrag konfiszierte die Entente sämtlichen ausländischen deutschen Besitz als Reparation. Darunter befanden sich auch ausländische Beteiligungen Deutschlands an Erdölfeldern und Bohrgesellschaften, die bereits zum Teil vor Ausbruch des 1. Weltkrieges bestanden. Deutschland selbst Erdöl arm, besaß nur geringe Vorkommen um Hannover die jedoch den deutschen Bedarf nicht deckten. Nachträgliche Verhandlungen in den 20-er Jahren wieder in den ehemaligen Besitz der ausländischen Beteiligungen und Konzessionen zu gelangen scheiterten. Deutschland war wieder von ausländischen Erdölimporten abhängig. Diese so entstandene Versorgungslücke wurde bereitwillig von amerikanische und britische Konzernen bzw. sowjetrussische Staatsbetriebe besetzt und bis weit in die 30-er Jahre aufrecht erhalten. Eigne Versuche eine untergeordnete Mineralölverarbeitung in Gang zu bringen, scheiterten an den geringen Mengen der Lagerstätten und der Finanzkraft der ausländischen Erdölkonzerne, die jegliche Versuche mit Preisdumping torpedierten.

Im Jahre 1923 präsentierte die amerikanische Regierungsbehörde für Bergbau "US Federal Bureau of Mines" eine Studie, die davon ausging, dass die weltweiten Erdölvorkommen bald erschöpft wären. Dies löste eine weltweite Suche nach Alternativen aus. So auch bei der BASF, die durch den Verlust ihrer Monopolstellung bei Düngemitteln nach dem 1. Weltkrieg neue Betätigungsfelder finden musste. Mit dem Wissen um die Ammoniak- und Methanolsynthese traute man sich zu, auch die Mineralölsynthese zur Industriereife zu bringen. Aber erst mit Adolf Hitler als Reichskanzler, konnte sich die Kohlechemischen Verfahren zur Treibstofferzeugung durchsetzen. Eine autarke Produktion die ausländische Devisen spart und in Kriegszeiten eine konstante Versorgung sicherte, rückte immer mehr in den Focus der Betrachtungsweisen und Argumentation für die Besinnung auf heimische Produkte. Dabei rückte der wirtschaftliche Faktor in den Hintergrund.

Begerius- Pier- Verfahren

Friedrich Bergius

Friedrich Bergius

Bildquelle: Wikipedia

Anfang des 20.Jahrhunderts forschte Friedrich Bergius an einem Verfahren, dass es ermöglichte aus Kohle flüssige Kohlenwasserstoffe (Benzine, Öle) zu erzeugen. Dieses Verfahren der Kohleverflüssigung patentierte Bergius im Jahr 1913. Bei diesem Verfahren wird Kohle gemahlen und mit Wasserstoff versetzt. Unter hohen Druck und Wärme plus einer gewissen Verweildauer entsteht ein Kohleöl, das dann ähnlich wie Erdöl weiterverarbeitet werden kann. Großtechnisch Anlagen Reife erlangte dieses Verfahren jedoch bis zum Ausbruch des 1.Weltkrieges nicht mehr, so dass es keine Berücksichtigung in der ersten Auseinandersetzung des 20.Jahrhunderts fand. 1923 gelang Matthias Pier die Methanolsynthese. Beflügelt von diesem Erfolg drängte Carl Bosch (IG Farben Leuna) auf eine Entwicklung hin zur Mineralölsynthese. IG Farben kauften 1925 einen Teil der deutschen Bergius Patente auf, sowie ein Jahr später 60% der internationalen Patente. Die restlichen 40% wurden bis 1931 erworben. Carl Bosch, ein Anhänger der Vision einer universell einsetzbaren Syntheseindustrie, setzte bei IG Farben die weiteren Forschungsarbeiten durch. Dieses war nicht besonders leicht, da die Forschungskosten immens hoch waren. Bis zur großtechnischen Reife 1932 sollten sich die Kosten auf 400 Mill. RM belaufen. Nach dem Erwerb des größten Teils der Patente, baute die IG Farben in Leuna eine Anlage zur Produktion. Diese war auf einen Durchfluss von 100.000 t Jahresmenge konzipiert und lieferte ab April 1927 das sogenannte "Leuna-Benzin". 1926 kaufte man bereits die Ölsparte des zerfallenden Stinnes Konzern auf und betrieb sie als Vertriebsorganisation "Deutsche Gasolin AG" weiter.
Als die Forschungsarbeiten der IG Farben in den 20-er Jahren begannen, war der Unterschied zu dem aus Erdöl erzeugten Benzin gut 4,- RPf pro Liter. Mit der Weltwirtschaftskrise Ende der 20-er Jahre, rutschte der Benzinpreis in den Keller. Benzin wurde jetzt für 5,-RPf verkauft von vormals 17,-RPf. Leuna produzierte aber weiterhin für 21,-RPf pro Liter. Es kündigte sich 1931 ein Fiasko bei der IG Farben an, dass - wäre es ausgebrochen - eventuell eine Aufgabe des Standortes Leuna bedeutet hätte. Zum damaligen Zeitpunkt eines der modernsten Werke weltweit. Am 25.06.1932 wurden Dr. Ing. Bütefisch und Dr. Gattineau zu einer persönlichen Unterredung zu Hitler geschickt, um seine Meinung zur Kohlehydrierung bei einer Reichskanzlerschaft zu erfahren. Die durchaus positive Meinung Hitlers, endete 1933 im Benzinvertrag der IG Farben mit dem dt. Reich.

Fischer-Tropsch-Verfahren

Franz Fischer/ Hans Tropsch

Franz Fischer/ Hans Tropsch

Bildquelle: Max-Plank-Institut

1925 patentierte Professor Franz Fischer und Hans Tropsch ebenfalls ein Verfahren zur Kohleverflüssigung. Beide forschten am Kaiser Wilhelm Institut für Kohleforschung in Mühlheim a.d.R. Bei der Fischer-Tropsch-Synthese wird die Kohle erst vergast. Dieses sogenannte Kohlegas wird dann mit Wasserdampf und Sauerstoff versetzt und durchläuft einen Eisenkatalysator. Dieser baut das Synthesegas weiter auf. Als Endprodukt erhält man Kohlenwasserstoffe und Wasser.
Das Fischer-Tropsch- Verfahren hatte dahin gehend den Vorteil, dass es am Kaiser Wilhelm Institut in der Grundlagenforschung entwickelt wurde und so jedermann zugänglich war. Im Gegenteil zu dem Bergius-Pier-Verfahren, dass sich in rein privater Hand der IG-Farben befand. Weiterhin konnte im Fischer-Tropsch-Verfahren so gut wie jede Kohlequalität verwendet werden und die Palette der Endprodukte war viel weiter gefächert. Der Nachteil lag in der niedrigeren Oktanzahl der Treibstoffe gegenüber dem Bergius-Pier-Verfahren. Deshalb wurden die Treibstoffe auch abschätzig als "Fleckenwasser" bezeichnet.
1934 erwarb die Ruhrchemie AG die Generallizenz und konnte laut Vertrag Unterlizenzen vergeben, so auch geschehen an die Wintershall für ihre Anlage der Gewerkschaft Victor in Castrop Rauxel und späteren Werk in Lützkendorf bei Mücheln/ Geiseltal.

Carbochemie - Chemische Verwertung der Kohle

Carbochemie - Chemische Verwertung der Kohle

Anfang der 30- er Jahre erlangt die chemische Verwertung der Kohle, für flüssige Kohlenwasserstoffe, großtechnische Reife und somit eine immer größere Bedeutung. Es etabliert sich ein neuer Zweig der Chemie, der Carbo- oder auch Kohlechemie genannt wird.



Benzinvertrag von 1933

Benzinvertrag von 1933

Das Feder-Bosch-Abkommen, umgangssprachlich auch Benzinvertrag genannt, wurde am 14. Dezember 1933 unterzeichnet.

Bereits ein Jahr zuvor verhandelte die IG- Farben und zuständige Stellen im Reichswirtschaftsministerium über den Ausbau der synthetischen Treibstofferzeugung im Ammoniakwerk Merseburg. Diese Verhandlungen brachten jedoch im Jahr 1932 kein Ergebnis zustande. Die IG- Farben, denen die weltwirtschaftliche Lage Anfang der 1930-er Jahre zunehmend Handlungsspielräume raubte mit ihrem Hydrierprojekt, setzte letztendlich auf Adolf Hitler und die NSDAP. In diesem Zusammenhang ist der Besuch von IG- Farben Vertretern bei Hitler am 25.6.1932 zu sehen und die Beteiligung (400.000 RM) der IG- Farben an einer Spende über 3 Millionen im Februar 1933 von Industrievertretern an die NSDAP. Dieses Konzept schien letztendlich erfolgreich gewesen zu sein, war jedoch nicht der ausschlaggebende Faktor zur Hinwendung auf die Kohlehydrierung.

Der Vertrag regelte Preisgarantien des Staates gegenüber dem Werk, so dass das unternehmerische Risiko bei den Gestehungskosten und Abschreibungen gemindert werden konnte. Das Ammoniakwerk Merseburg verpflichtete sich im Gegenzug seine Produktion von Treibstoffen auf 300.000 - 350.000 Jato auszufahren. Eine Profitrate von 5 % wurde vereinbart. In den Anfangsjahren 1934/ 35 erhielt das Ammoniakwerk Merseburg aus dem Vertrag ca. 5 Millionen RM, da die Gestehungskosten über den 18,5 RPf lagen pro Liter. Im Jahr 1936 kehrte sich die Lage um. Auf Grund der Stabilisierung der Weltmarktpreise für Benzin und Verfahrensverbesserungen konnte das Werk die Gestehungskosten auf 13,6 RPf senken. Nun erhielt das Reich laut Vertrag die Differenz. Ein Zustand der bis Kriegsende anhalten sollte und dem Reich 90 Millionen RM einbrachte. Für das Ammoniakwerk Merseburg war der Vertrag letztendlich ein Verlustgeschäft. Jedoch stand er am Anfang einer Autarkiepolitik, die im 2. Weltkrieg enden sollte.

In der heutigen geschichtlichen Aufarbeitung vertritt die Forschung unterschiedliche Standpunkte, wie dieser Vertrag zu deuten ist. Von Arbeitsbeschaffung bis zur Minimierung von Produktionsrisiken und frühen Aufrüstung, war jedoch immer ein wichtiger Bestandteil der IG- Farben die Verbundwirtschaft. So wurden Abfallprodukte eines Prozesses zu Ausgangsstoffe eines anderen Prozesses. Diese Wertschöpfungskette hatte sich alles unterzuordnen, auch politische Ansichten wenn nötig.