Die Chemie stimmt nicht!

Abschlussbericht vom 28.9.1945

Abschlussbericht vom 28.9.1945

Bildarchiv: www.fischer-tropsch.org

Im November 1944 verhörte ein amerikanisches Spezialkommando der ALSOS Mission den 39-jährigen Chemiker und Kriegsgefangenen Dr. Ernst Nagelstein. Ihr eigentliches Interesse galt der deutschen Atomforschung. In einer Zusammenfassung von Lt. R. C. Aldrich (USNR) machte jedoch Nagelstein auch Aussagen über die Kohlesynthese und speziell über das Treibstoffwerk Lützkendorf in dem er sich von Januar bis vermutlich August 1943 aufhielt (Zimmerbelegungspläne vom 1.1.1943 - 1.8.1943 Kasino des Treibstoffwerkes Lützkendorf 1. Stock/ Anbau, Zimmer 4, Gast: Dr. Nagelstein). In dieser Zusammenfassung beschrieb er mehrere Probleme die zu einem großen Hauptproblem des Werkes wurden und dem Werk einen schlechten Ruf unter den 15 Treibstoffwerken einbrachte.

Grube Cecilie

Grube Cecilie

Bildarchiv: www.steinkern.de

Das Treibstoffwerk erreichte bis zum Jahre 1943 nur 40% seiner Gesamtkapazität von 75.000 Jahrestonnen Gesamtausstoß an Primärprodukten. So stellte sich bereits in den Anfangsjahren heraus, dass die Standortwahl für das Werk nicht optimal war. Zwar waren die Anfahrtswege der Kohle gering, da man sich unmittelbar in der Nähe der Kohlefelder befand, jedoch stellte sich die Zuführung des benötigten Wassers als Problem dar. Wintershall bezog sein Frischwasser aus mehreren Brunnen in der Umgebung. Mit der Erweiterung des Werkes reichten jedoch diese geförderten Mengen nicht mehr aus. Zu dem war das im Geiseltal gewonnene Wasser extrem kalkhaltig (45 - 55 dt. Härte), was Probleme im Prozess und im Zusetzen von Rohren hervor rief. Man beschloss bereits 1939 eine Leitung von Uichteritz nach Krumpa zu verlegen, um weicheres Saalewasser an das Werk heran zu führen. Diese war am 12. September 1939 bereits zu 9 Km vorhanden, laut einem Brief August Rosterg an Reichswirtschaftsminister Walther Funk. Aber auch die Abwässer bereiteten größere Probleme. Teils wurden sie in einen Klärteich in die Cecilie geleitet, teilweise über die Geisel entsorgt. Diese Praxis rief den Unmut der benachbarten Michel- Grube Leonhard auf den Plan. In einer Unterredung zur allgemeinen Geiseltalverlegung, bei heranrückendem Abbau, äußerte sich die Direktion von Michel dahingehend, dass sämtliche Gruben versuchen die Kohlefelder zu entwässern - während Wintershall die Grube bewässert. Weiterhin forderte der Landrat von Querfurt Wintershall in einem Schreiben vom 15.3.1941 auf, die stark verunreinigten und mit Öl behafteten Einleitungen in die Geisel einzustellen.

Eingefrorene Anlage in Lützkendorf

Eingefrorene Anlage in Lützkendorf

Bildquelle: Addinol- Das Mineralölwerk Lützkendorf und seine Werkbahn, Verlag B. Neddermeyer/ Berlin 2000

Ein weiteres Problem war die Kohle. Bei der Planung der Anlage analysierte man 20t Kohle und nahm dies als zukünftige Grundlage an. Mit zunehmendem Abbau wurde jedoch die Kohle sandiger und schwefelhaltiger und verunreinigte so das Synthesegas. Dies wiederum wirkte sich negativ auf die Katalysatoren und deren Lebensdauer aus. Die Anlage war dadurch unwirtschaftlich und permanent in der Wartung und Reparatur.
Hinzu kamen eine unglückliche Konstruktion und schlechte Bauausführung der Anlage, ungenügende Reserven besonders im Dampf- und Energiesektor, fehlende Ersatzteile, schlechte Arbeitsweise und Disziplin der Gefolgschaft sowie ein permanenter Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, da die Wehrmacht bereits die männlichen Gefolgschaftsmitglieder einzog. Um Kosten einzusparen wurde die gesamte Anlage sehr offen konzipiert. Es gab nur wenige Hallen oder Überdachungen für die Maschinen, Motoren und Pumpen. Diese Einsparung rächte sich bereits im Winter 1938/ 1939 durch Einfrieren von Anlagenteilen.

Anlage Lützkendorf

Anlage Lützkendorf

Bildquelle: Bundesarchiv Bild 183-R67359

Die Probleme wuchsen Wintershall über den Kopf, so dass man im September 1939 an die I.G. Farben Leuna herantrat, mit der bitte um Hilfe. Leuna (Ammoniakwerke Merseburg) stellte am 9.10.1939 eine Gruppe von ca. 200 Mann ab, um Lützkendorf in Betrieb zu bringen. Als erste Maßnahme wurde versucht, den noch fehlenden Frostschutz von Rohren, Wasserleitungen usw. herzustellen. Die Anlage musste über den heranrückenden Winter gebracht werden. In der Zwischenzeit analysierte man die Anlage mit den neuen Verfahren und leitete erste Schritte zur Problembehebung ein. Hier kam es zu großen Differenzen, da die Wintershaller Gefolgschaft den Leuten aus Leuna nicht gut gesinnt war. Diese Situation entspannte sich erst später, als die ersten Erfolge zu verzeichnen waren. In der Folge wurden Pläne erstellt, wie das Werk umgebaut und erweitert werden kann, um eine stabile Produktion zu gewährleisten. Die Umbau- und Erweiterungskosten sollten sie auf 24.600.000,- RM belaufen.


Die 3 Anlagen der Wintershall A.G. im Werk Lützkendorf
1. Fischer- Tropsch- Anlage zur Gewinnung von Treibgas und Benzin aus Braunkohle
2. Erdöldestillation und Schmierölfabrik zur Verarbeitung von geförderten Rohöl aus den Feldern bei Nienhagen und Zistersdorf
3. Hydrierung von im Prozess angefallenen Nebenprodukten zu Benzin

Bildarchiv:www.fischer-tropsch.org

In einer Aktennotiz vom 20. April 1940 erörterte Leuna die Vorzüge der Stilllegung der Fischer-Tropsch-Synthese im Werk Lützkendorf. Dabei verwies man auf die permanenten Material- und Beschaffungsschwierigkeiten für den Aufbau der Anlage, sowie nunmehr auch noch ernstlichen Schwierigkeiten in der Beschaffung der benötigten Arbeitskräfte und Gefolgschaftsmitglieder. Wintershall würde in absehbarer Zeit, trotz Versuche, diesen Werksteil nicht lebensfähig machen können. Die vorhandenen Kapazitäten sollten lieber auf andere Betriebsteile in Lützkendorf verlagert werden und die ca. 400- 500 frei werdende Arbeitskräfte in Leuna zum Einsatz kommen. Hydrierung und Schmierölfabrik sollten mit Hilfe von Leuna weiter ausgefahren werden. Weiterhin rechnete man mit bis zu 1000 Montagearbeitern fremder Firmen, die durch die Einstellung der Arbeiten an der Anlage, für andere kriegswichtigen Projekte zur Verfügung standen + die frei werdenden finanziellen Mittel. Nicht ohne Grund war man an einer Stilllegung der Fischer-Tropsch-Synthese interessiert. Stellte Lützkendorf doch mehr oder weniger ein Mitbewerber in unmittelbarer Nähe dar, der auch noch aus den gleichen Gruben Kohle bezog.

Das Werk Lützkendorf versuchte jedoch durch Neu- und Erweiterungsbauten die Anlaufschwierigkeiten dieser neuartigen Synthetischen Treibstoffgewinnung zu überbrücken. Im Geschäftsbericht von 1942 verwies man auf eine Stabilisierung der Anlage. Durch die noch im Bau befindliche Feinreinigungsanlage sollten dann auch noch die letzten Hürden beseitigt werden.
Als im Juli 1944 alliierte Bomber die Syntheseanlage zerstörten, wurde nach 6 monatigen Stillstand ein Wiederaufbau vom Wiederaufbau- Stab in Leuna, mit dem Schreiben vom 24.1.1945, abgelehnt.
Trotz der Anstrengungen im Werk erreichte das Treibstoffwerk nicht sein Ziel der Vollproduktion. Am 9. und 11. Mai 1945 verhörten britische und amerikanische Spezialisten, die leitenden Angestellten und Direktoren des Treibstoffwerkes. Bei einer anschließenden Besichtigung, war man verwundert über die doch sehr geringen Standards dieser Anlage gegenüber den anderen deutschen Treibstoffwerken.

LHASA/Mer/Wintershall AG/Werk Lützkendorf Nr. 24c