Ammoniakwerk Merseburg G.M.B.H. Leuna

Ammoniakwerk Merseburg G.M.B.H. Leuna

Obwohl das Ammoniakwerk Merseburg nicht im Geiseltal lag, hatte es doch diesen Landstrich geprägt wie kein anderes Werk. Sein Ursprung ist im 1. Weltkrieg begründet.
1913 nimmt die BASF ihre Ammoniakproduktion im Oppauer Werk in Ludwigshafen auf. Ziel und Intention der BASF war es, das kürzlich zuvor zur Industriereife gelangte Haber-Bosch Verfahren zur synthetischen Ammoniakherstellung zu nutzen und der Landwirtschaft günstige Düngemittel zu liefern. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges, ein Jahr später, wird Ammoniumnitrat nun auch in großen Mengen für die Munition- und Sprengstoffindustrie benötigt. Da die noch neue Ammoniaksynthese nicht die benötigten Kapazitäten für das deutsche Kaiserreich produzieren konnte, war man weiter auf Importe von natürlichem Salpeter aus Chile angewiesen. Nach Kriegsbeginn blockierte jedoch England sofort die deutschen Handels- und Schifffahrtswege und schnitt somit das deutsche Kaiserreich von den Chilesalpeter Importen ab. Ende 1914 kam es zu einen immer größer werdenden Lücke dieser Grundsubstanz, so das es zu einem Vertrag zwischen dem damaligen Deutschen Kaiserreich und der BASF zur Intensivierung der Herstellung von Ammoniak kam. Dieser Vertrag ist heute als so genanntes "Salpeterversprechen" der BASF bzw. Carl Boschs bekannt. Mit dem Stellungskrieg im Westen erhöhte sich der Bedarf an Munition und somit die Nachfrage an den Grundsubstanzen. Nach dem die Reichswehr im April 1915 einen ersten wirkungsvollen Giftgasangriff bei Ypern unternahm, wurde Oppau bevorzugtes Ziel von Bombenabwürfen der französischen Seite. Diese Angriffe waren auf Grund der damaligen Technik nicht besonders erfolgreich, wurden die Bomben doch noch zum Teil per Hand abgeworfen. Jedoch zeigten diese Angriffe bereits eine neue Seite der Kriegsführung, zukünftig Ziele aus der Luft anzugreifen. Für weitere Kapazitätsneubauten musste eine geschützte Lage gefunden werden. Diese fand man im mitteldeutschen Raum und die Oberste Heeresleitung drängte die BASF, deren Haber- Bosch Verfahren am effektivsten gegenüber Konkurrenzverfahren erschien, zum Bau eines zweiten Ammoniakwerkes.
Bei der Standortwahl Leunas kristallisierten sich 4 entscheidende Faktoren heraus. So war die Lage Leunas in Mitteldeutschland, für damalige Verhältnisse, luftgeschützt. Die umliegenden mitteldeutschen Braunkohlefelder gewährleisteten eine preiswerte Energieerzeugung. Mit den großen Vorkommen im Geiseltal sogar auf 50 Jahre garantiert. Als Reserve sicherte man sich bereits ein Kohlenfeld bei Wallendorf, östlich von Merseburg. Braubares Wasser stand mit der Saale in unmittelbarer Nähe zur Verfügung und konnte gleichzeitig auch wieder Abwässer aufnehmen. Leuna lag verkehrstechnisch an der Eisenbahnstrecke Berlin - Frankfurt a. Main. Nach zähen Verhandlungen über die Beteiligung des Staates, begann unter der Leitung Carl Bosch der Aufbau des Ammoniakwerkes Merseburg in Leuna am 19. Mai 1916. Elf Monate und acht Tage vergingen, bis am 27. April 1917 die ersten Syntheseöfen angefahren wurden. Eine Rekordzeit für damalige Verhältnisse.
Bis 1918 wurden immer weitere Verträge mit der Obersten Heeresleitung abgeschlossen, die eine Erweiterung und Kapazitätserhöhung der Anlagen in Leuna vorsahen. Leuna wurde als strategische Reserve konzipiert und ausgebaut, die in Friedenszeiten Düngemittel produzieren sollte und in Kriegszeiten Grundsubstanzen für die Munitionsindustrie. Weiterhin verpflichtete sich die BASF mit der 3. Ausbaustufe die Anlagen in Leuna bis 1940 in militärischer Bereitschaft zu halten. Mit dem Ende des 1. Weltkrieges änderte sich auch die gesamte Lage für die BASF. Aus Angst vor einer Besetzung des Rheinlandes durch Frankreich, verlegte man den Hauptsitz immer mehr nach Mitteldeutschland. Neues Unheil drohte 1919/ 1920 mit dem Versailler Vertrag, der vorsah Deutschland zu endmilitarisieren. Dazu gehörten auch die Schließung chemische Werke die kriegswichtige Produkte herstellten, so auch Leuna. Carl Bosch als Unterhändler für die deutsche Chemieindustrie konnte erreichen, dass man von einer Stilllegung absah. Im Gegenzug wurden Patente der Farbenindustrie und das Haber- Bosch Verfahren gegenüber Frankreich offen gelegt.
Die Nachkriegszeit war geprägt von revolutionären Auseinandersetzungen. Diese erreichten 1921 auch Mitteldeutschland. Nach dem am 20. Februar 1921 zur Wahl des Preußischen Landtages die VKPD (Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands) einen großen Zulauf im Bereich Halle- Merseburg verbuchen konnte, entsendete man im März 1921 preußische Polizeieinheiten nach Mitteldeutschland, um diese wichtige Chemieregion vor Revolten und Umsturzplänen zu sichern. Von der Präventivaktion der preußischen Polizei fühlten sich die Funktionäre und Anhänger der VKPD provoziert und wollten nun zum Gegenschlag ausholen. Am 21.3.1921 rief man zum Generalstreik auf, der am 22.3. im Mansfelder Bergbau begann. Um die Polizeikräfte zu spalten mobilisierte die VKPD in den Leunawerken die Arbeiterschaft ebenfalls in den Generalstreik zu treten. Man blockierte Zufahrtsstraßen und bewaffnete sich aus Beständen illegaler angelegter Waffendepot. Hinzu kamen selbstgebaute Sprengsätze und selbstgebaute Handgranaten. Den Sprengstoff lieferten sympathisierende Grubenarbeiter der Tagebaue des Geiseltals. Bis zum 28.3.1921 gelang es den Arbeitern nicht ein einheitliches Vorgehen im Werk zu organisieren. Zu groß waren die Differenzen in den Überzeugungen. Der Ring der Polizeihundertschaften schloss sich um das Leuna Werk in den Morgenstunden des 29.3.1921. Mit Artilleriebeschuss gegen 4:58 Uhr begann die gewaltsame Rückeroberung des Werkes am 29.3.1921. Gegen 6:00 Uhr stürmten Polizeieinheiten das Werk.
In den folgenden Jahren verlagerte die BASF immer mehr Versuchsanlagen nach Leuna. Im Jahr 1923 gelingt es Matthias Pier die Metanolsynthese zur großtechnischen Reife zu bringen. Danach steht Leuna ein zweites Syntheseverfahren zur Herstellung von Grundsubstanzen der Chemie zur Verfügung. Trotz dieser Errungenschaften wird ein Problem immer deutlicher, die BASF kann ihre Monopolstellung die sie vor dem 1. Weltkrieg hatte nicht wieder erreichen. Die Kriegsjahre haben die deutsche chemische Industrie vom Weltmarkt zu lange fern gehalten, so dass ausländische Konkurrenten diese Plätze einnahmen. Die Vorschläge Carl Duisbergs (Aufsichtsratsvorsitzender von Bayer), zur Bildung eines Verbundes, hatten 20 Jahre vorher bei Bosch noch kein Gehör gefunden. 1923 unternimmt Bosch eine längere Reise durch die USA und wird dort mit der wirtschaftlichen Macht der großen Trust- Unternehmen konfrontiert. Diese Erlebnisse änderten seine Meinung zum Zusammenschluss der großen Werke der deutschen Chemie- und Farbenindustrie. Am 2. 12. 1925 gründete sich die I.G. Farben zu dem ab dato auch das Ammoniakwerk Merseburg in Leuna gehörte. Durch diesen Zusammenschluss war es den beteiligten Werken möglich Kräfte zu bündeln, die ihnen in Fragen des Absatzes und der Finanzierung neuer Anlagen zu Gute kam.
Durch das Gelingen der Methanolsynthese beflügelt, drängte Bosch Pier sich der Herstellung flüssiger Kohlenwasserstoffe anzunehmen. Auch dieses Verfahren, dass die Grundlagen der Bergius- Patent nutzte, wurde zur großtechnischen Reife in den Jahren 1926/27 gebracht. Im Oktober 1926 beginnt man mit dem Bau einer großtechnischen Versuchsanlage die 100.000 Jahrestonnen herstellen sollte. Ab den 1. April 1927 stellte Leuna, durch Braunkohle aus dem Geiseltal, Benzin her. Diese neuartigen Prozesse der Synthese waren aber durchsetzt mit vielen Kinderkrankheiten die der I.G.Farben enorme finanzielle Mittel bis weit in die 30er Jahre abverlangte. Mit dem Börsencrash 1929 zogen über den Ammoniakwerk dunkle Wolken auf. Der Absatz von Hauptprodukten des Werkes brach drastisch ein und musste gedrosselt werden, was zur Entlassung eines Großteils der Arbeiter und Angestellten führte. Die Treibstoffsynthese stand kurz vor ihrer Einstellung, da Kraftstoffe zu Schleuderpreisen auf dem Markt angeboten wurden. Die Situation verschärfte sich immer weiter, so das Bosch einen Ausweg suchte. Diesen fand man, so wie viele damals glaubten, mit dem aufstrebenden Nationalsozialismus. Man bemühte sich um Hitler und die NSDAP, gewährleisteten seine autarken Bestrebungen doch den Ausweg für Leuna und die I.G.Farben. Am 14. Dezember 1933 handelten Bosch und Schmitz für die I.G.Farben mit dem damaligen Wirtschaftsminister Feder und dem Finanzminister Graf Schwerin von Krosigk für das deutsche Reich ein Abkommen über Abnahme- und Preisgarantien aus. In dem sogenannten Benzinvertrag verpflichtete sich die I.G.Farben zu einem Ausbau der Anlagen auf eine Gesamtmenge von 300.000 Jahrestonnen bis 1935.
Mit den Autarkiebestrebungen kam es 1934 zum Zusammenschluss einer Pflichtgemeinschaften (BRABAG), zu der auch die I.G.Farben gehörte. Ziel war es die heimischen Kohle für die Treibstoffgewinnung zu nutzen. So wurden 4 neue Werke in Böhlen, Magdeburg, Schwarzheide und Zeitz gebaut. Leuna fungierte hier als Leitwerk und brachte seine Erfahrungen ein.
In den Folgejahren war man im Werk mit der Umsetzung des 2. Vierjahresplanes beschäftigt. 1937 nahm man eine Anlage für Klopffeste Treibstoffe in Betrieb. Ab 1940 wird in Leuna angefangen erste Luftschutzbauten zu errichten, nach dem englische Bomber das Werk angegriffen hatten. Der Krieg hat das Werk erreicht, jedoch vergehen noch 3 Jahre bis er wieder kommt.