Arisierung der Anhaltischen Kohlewerke A.G. (AKW)

In einem Gespräch mit der VIAG, im November 1937, erfuhr Otto Steinbrinck (Generalbevollmächtigter des Flick- Konzern), dass eventuell der Besitz der Julius und Ignaz Petschek- Gruppen zum Verkauf stehen. Eigentlich wollte man der VIAG Aktien bzw. Beteiligungen an der "Ilse Bergbau A.G." abkaufen, nun kam es aber zu ganz anderen Überlegungen.

ehem. Bankgebäude Petschek & Co. Prag

ehem. Bankgebäude Petschek & Co. Prag

Das Gebäude (Petschkuv Palace) wurde nach dem Einmarsch der dt. Wehrmacht als Gestapo Hauptquartier benutzt und war gefürchtet. Bildarchiv:www.turistik.cz

Julius und Ignaz Petschek waren Brüder, die sich vom Kommissionshändlern für Kohle zu den bedeutendsten Kohlegrubenbesitzern in Böhmen entwickelt hatten. Beiden Brüdern, kam sicher Ihre Ausbildung im Bankgeschäft sowie Anwaltstudium zu Gute. Ignaz Petschek ging 1880 in die Selbstständigkeit und konnte durch geschicktes Handeln und Beziehungen zu Banken sein Kohleabsatz bis 1895 mehr als verachtfachen. Julius Petscheck entschied sich 1906 seinem Bruder in die Selbstständigkeit zu folgen. Gemeinsam kauften sie verschiedene Kohlegruben und Kohlewerke in Böhmen auf und wuchsen zu einer beachtlichen Größe heran. 1920 gründeten sie die Privatbank Petschek & Co. Prag.

Villa von Ignaz Petschek in Aussig

Villa von Ignaz Petschek in Aussig

Bildquelle: www.usti-aussig.net

Nach dem 1. Weltkrieg 1918, konzentrierte man sich auf Mitteldeutschland. Hier erwarb man im südlichen Leipziger Braunkohlengebiet um Borna, sowie im Zeitzer/ Altenburger Raum um Meuselwitz - Rositz große Mehrheiten und Majoritäten an Gruben und den dazu gehörenden Brikettfabriken. Bis Mitte der 20-er Jahre waren diese Majoritäten gefestigt und die Expansion griff auf das Senftenberger Revier mit der Ilse Bergbau A.G. und der Eintracht über. 1932 kamen die Anhaltischen Kohlewerke "AKW" und die Werschen- Weißenfelser Braunkohlenwerke "WW" - mit dem Geiseltal - hinzu. Somit war 1932 die Hälfte der Mitteldeutschen Braunkohle in der Hand der Gebrüder Petscheck. Jedoch verstarb 1932 Julius und 1934 Ignaz Petscheck, so dass derer Nachfahren die Geschicke der beiden Konzerne leiteten.


Geiseltal Grube Cecilie

Geiseltal Grube Cecilie

Blidquelle: Bundesarchiv Bild 183-R67362

Nach dieser Insiderinformation suchte Steinbrinck Kontakt zu Keppler, um sich diese Information bestätigen zu lassen. Dies bestätigte Keppler und erläuterte, dass viele Juden auf Grund der politischen Lage ihren Besitz veräußern wollten. Hierzu zählten auch die Nachfahren der Familie Julius Petschek. Steinbrinck erfuhr weiterhin, dass Julius Petschek bereits mit I.G. Farben und Wintershall verhandelt und sich vom gesamten dt. Besitz trennen wolle. Laut Keppler sollten sich die I.G. Farben und Wintershall die Felder für ihre wehrwirtschaftliche Arbeit teilen.

Nur A.K.W. und Cecilie!

Nur A.K.W. und Cecilie!

Bierdeckelwerbung aus den 30-er Jahren

Diese Informationen Kepplers liessen Flick sofort handeln und seine Kontakte wurden zur Positionierung seiner Mitteldeutschen Stahlwerke genutzt. Flick musste erkennen, dass bei diesem Geschäft der Staat die letzte Instanz sein wird und das nicht der gewinnt, der das höchste Angebot offeriert, sondern der das größte wirtschaftspolitische Ziel verfolgte. Seine Stahlwerke mussten nun genau so wichtig werden, wie die Treibstoffproduktion der I.G. Farben und Wintershall. Zuerst wurde August Rosterg damit konfrontiert, dass Flick ebenfalls ein Anrecht auf ein großes Teilstück des in dt. Hände zurück zu führende Kohlekomplexes habe. Der Generaldirektor der Wintershall soll dies mit Betretenem Schweigen zur Kenntnis genommen haben.

Grube Emma

Grube Emma

Bildquelle: Imagemappe I.G.Farben 1928

In einem nächsten Schritt sollte Göring, als höchste Instants, auf die Seite Flick's gezogen werden. Dies geschah über Göring's Halbbruder (Herbert Göring) und Paul Körner. Diese erreichten, dass Hermann Göring für Flick eine Art oberste Verhandlungsvollmacht ausstellte und Wintershall zur Einstellung ihrer Verhandlungen gezwungen wurde. Der Familie Petscheck bot man Beteiligungen und Reichsmark an. An diesem Punkt machte jedoch die Familie Petschek Flick einen Strich durch die Rechnung. Es fand eine Spaltung statt. Während Julius Petschek's Familie immer noch verkaufen wollte, jedoch nur gegen Devisen (16 Mio. $), lehnte der Ignatz Petscheck Zweig einen Verkauf komplett ab. Flick begann nun den Komplex zu trennen und kümmerte sich zuerst um die kleinere Gruppe Julius Petschek. Hinzu kam das Problem der Devisen, die Flick nicht genügend besaß und die Reichsbank für privatwirtschaftliche Geschäfte nicht genehmigte. Man versuchte nun durch neue Überlegungen aus dieser verfahrenen Situation heraus zu kommen, da die Gefahr bestand, dass Wintershall und die I.G. Farben durch ihren Devisenbesitz wieder Hauptakteure werden könnten. Flick übte nun einen Spagat der vorsah, Wintershall und I.G. Farben an den Kohlefeldern zu beteiligen. Diese müssten aber zum Teil in Devisen und zum Teil in RM bezahlt werden. Weiterhin kam Salzdetfurth hinzu als Dritter im Bunde. Somit konnte er den Forderungen der Petschek's gerecht werden, ohne die Oberhand zu verlieren.

Einmarsch in Aussig - Sudetenland Oktober 1938

Einmarsch in Aussig - Sudetenland Oktober 1938

Bildquelle: Bundesarchiv Bild 146-2006-0014

Nach dem im März 1938 Österreich sich dem Dt. Reich anschloss und Göring neue Verordnungen in Richtung jüdischen Besitzes erlies, vergrößerte sich der Druck auf die Petschek's abermals. Die Tschechoslowakai mit dem Sudetenland war als nächster Krisenherd absehbar. Die Familie Julius Petschek verkaufte die AKW und WW schließlich am 19. Mai 1938. Später verkaufte Flick Anteile, wie vorgesehen, an Kohlefeldern der I.G. Farben, Salzdetfurth und Wintershall.
Der Besitz der Ignaz Petschek Gruppe wurde nach dem Einmarsch im Oktober 1938 in das Sudetenland zwangsenteignet, da man angeblich hohe Steuerschulden festgestellt hatte.