Scheinanlagen

Im Jahre 2005 riefen mehrere lokale Zeitschriften dazu auf, bei der Ausarbeitung eines Artikels über die Scheinwerke in unserer Gegend mit zu helfen. Dieser Artikel erschien im Jahre 2006 im "Merseburger Kalenderblatt", geschrieben von Winfried Czepluch. Czepluch berichtete über 3 Scheinanlagen, deren Aufgabe es war, die feindlichen Bomberströme in die Irre zu führen über die Standorte der Werke Leuna, Lützkendorf und Schkopau.

Auszug aus "Die Bedeutung der Scheinwerke im Areal des Ammoniakwerkes Merseburg - die Leuna Werke im Zweiten Weltkrieg"
Merseburger Jahreskalender 2006 von Winfried Czepluch

"...Bei der intensiven Luftaufklärung, die der Gegner betrieb, waren fast täglich US-Fern-Aufklärer über den Leuna-Werken. So konnte es nicht ausbleiben, dass Scheinanlagen nach einer gewissen Zeit als solche erkannt wurden. In den gegnerischen Karten waren Scheinanlagen als "dummy" (deutsch: Attrappe) bezeichnet. Dass Scheinanlagen von britischen oder US-Flugzeugen mit Holzbomben beworfen sein sollen, die die Inschrift "Holz auf Holz" trugen, wurde vielfach erzählt, ist aber nirgends verbürgt. Im Zusammenhang mit den Scheinwerken der Leuna-Werke hält sich diese Legende auch im Merseburger Raum. Vom Gegner erkannte Scheinanlagen wurden aufgegeben, verlegt oder grundlegend umgestaltet.
In Anbetracht der Gefahren durch schwere Luftangriffe der Alliierten auf die Primärziele "Ammoniakwerk Merseburg GmbH die Leuna-Werke" und die Wintershall AG-Lützkendorf sowie auf das Sekundärziel Buna-Werk Schkopau (bis Kriegsende war den Deutschen aber nicht klar, dass Buna Sekundärziel bleiben würde) entstanden nach Zeitzeugen-Berichten zwischen dem Bereich westlich der LeunaWerke (Leuna-Halde) und östlich der Wintershall AG-Lützkendorf drei Scheinwerke unterschiedlicher Größenordnung (Abb. 4).
Zweifelsfrei war die größte Anlage dieser Art das Scheinwerk bei Lunstädt (Nr. 1 in Abb. 4), dessen Areal größer als zwei Fußballfelder war.
Die Herren Arno Schöne aus Lunstädt und Herbert Kraft aus Tagewerben schilderten als Zeitzeugen den Aufbau, die Tätigkeit und das Ende des Scheinwerkes, wobei erste Hinweise auf dieses Scheinwerk schon im Jahre 2000 von Herrn Dr. Werner Fernau aus Schweßwitz kamen. Schon zu Beginn des Krieges kam der Gedanke auf, zur Ablenkung der alliierten Bomberverbände von den Leuna-Werken und der Wintershall AG-Lützkendorf ein Scheinwerk bei Lunstädt zu errichten.
Herr Schöne berichtet, dass 1941 ein LKW der Luftwaffe (Flak) mit zirka 20 Flak-Soldaten an Bord unter Leitung eines Oberfeldwebels auf Quartiersuche vor dem Haus seiner Eltern erschien. Diese besaßen ein Fleischereigeschäft. Für die Quartiersuchenden war eine Fleischerei verlockend. Nach kurzen Verhandlungen erfolgte die Einquartierung. Der Oberfeldwebel zog in das Wohnhaus der Familie Schöne. Die Einquartierung der Flak in die Fleischerei der Familie Schöne brachte für beide Seiten Vorteile. Es entwickelte sich ein reger Tauschhandel, wie z. B. Fleisch und Wurstwaren gegen Bauholz. Die einquartierten Flak-Soldaten besaßen handwerkliche Berufe. Sie waren u. a. Tischler, Zimmerleute, Elektriker und Maurer. Auf dem für das Scheinwerk vorgesehenen Gelände begann eine emsige Bautätigkeit. Als Material wurde vor allem Holz aller Art wie Bretter, Balken, Leisten, Lattenroste, Telegrafenmasten und vorzugsweise Presspappe verarbeitet. In den Ackerboden eingearbeitete Werksstraßen und Eisenbahngleise und Gleisanschlüsse sollten der Täuschung dienen. Die aufgestellten Telegrafenmasten mit vormontierten Lampen wurden nachts in Betrieb genommen. Mit Hilfe großer Tafeln aus Presspappe wurden Benzintanks und Benzin-Kesselwagen der Reichsbahn geformt, in Position gebracht und auf den vorgetäuschten Gleisanlagen abgestellt. Eine Reihe von Gebäudeteilen wurde mittels Holz und Presspappe errichtet und an den vorgetäuschten Werksstraßen aufgestellt.
Der Zeitzeuge Herr Kraft berichtet über aufgestellte Rohrbrücken und vier errichtete Schornsteine im Scheinwerksgelände. Um Treffer vorzutäuschen, wurde zum Abbrennen bei Luftangriffen auf die Primär-Ziele Buna-Gummi im Gelände des Scheinwerkes gelagert. Nachts wurden zahlreiche Beleuchtungsvarianten eingesetzt. Ostarbeiter, die in Lunstädt bei Bauern als Landarbeiter eingesetzt waren, sagten immer, wenn beim Anflug britischer Bomber das Licht im Scheinwerk eingeschaltet wurde: "in der ,Schwindelfabrik` schon Licht". Das Gelände des Scheinwerkes war bis zum Kriegsende hermetisch abgeriegelt und der Zutritt für Unbefugte strengstens verboten. Seit dem Aufbau des Scheinwerkes 1941 bis zum Einmarsch der US-Bodentruppen am 15.4.1945 ist nicht eine einzige Spreng- oder Brandbombe (auch keine "Holzbombe") im Areal des Scheinwerkes niedergegangen. Die einmarschierenden US-Bodentruppen vergeudeten für die Holzgestelle und anderen Attrappen keine Zeit und setzten ihren Vormarsch unbeirrt fort. Das Ende der Scheinanlage ist schnell berichtet. Die Amerikaner erhoben keine Ansprüche auf die Holzreste. Das auf den Ackerflächen der Bauern befindliche Nutzmaterial wurde von den jeweiligen Bauern mit Pferdegespann in die Bauernhöfe abtransportiert und zivilen Zwecken in Haus und Hof zugeführt.

Standorte der 3 Scheinwerke während des 2. WK

Standorte der 3 Scheinwerke während des 2. WK

Bildquelle: W. Czepluch


Ein weiterer Zeitzeuge, dem wichtige Hinweise zu verdanken sind, ist Herr Georg Dürst aus München. Mit seiner Hilfe konnten zwei weitere Scheinwerke lokalisiert werden. Herr Dürst war längere Zeit als Flak-Unteroffizier bei der 3,7 cm Flak westlich, in unmittelbarer Nähe der Leuna-Werke eingesetzt. Zuletzt war seine Dienststelle im Stab der leichten Flak, die ihren Sitz in der Gemeinde Leuna im ehemaligen HJ-Heim hatte. Ein Scheinwerk (Nr. 2 in Abb. 4) befand sich westlich der heutigen B 91. Es war in seinen Ausmaßen etwas kleiner als das Scheinwerk bei Lunstädt und wurde im Rahmen der schweren Luftangriffe ab 12.5.1944 auf das "Ammoniakwerk Merseburg GmbH die Leuna-Werke" in aller Eile errichtet. In Aufbau und Struktur entsprach es dem Lunstädter Scheinwerk. Nach Ansicht von Herrn Dürst wurde dieses Scheinwerk bis zum Kriegsende nicht vollendet. Auch auf das Areal dieses Scheinwerkes ist keine einzige Spreng-, Brand- oder "Holzbombe" gefallen.
Im Führerprotokoll vom 29.8.1944 heißt es: "Da die Möglichkeit besteht, dass der Gegner trotz der ausgezeichneten Vernebelung der Hydrierwerke in Kürze Mittel und Wege finden wird, die allein durch das Anpeilen der Eisenmengen ihn die Lage klar erkennen lassen, sollen Versuche gemacht werden, durch Eisenroste bzw. geerdete Bleche, als Scheinanlagen abgesetzt, aber in unmittelbarer Nachbarschaft der Hydrierwerke, noch im Bereich der Nebeldecke befindlich, die Anpeilgeräte darauf zu lenken."
Die Methode fand beim kleinsten und geheimnisvollsten der drei Scheinwerke (Nr. 3 in Abb. 4) Anwendung. Es befand sich östlich der heutigen B 91, in unmittelbarer Nähe einer 3,7 cm Flak-Stellung. Die Bedienung dieses Scheinwerkes erfolgte durch Zivilisten. Wenn die Leuna-Werke vernebelt wurden, lag dieses Scheinwerk noch im Bereich der Nebeldecke. Flak-Soldaten aus der in unmittelbarer Nähe liegenden 3,7 cm Flak-Stellung versuchten mit den Zivilisten ins Gespräch zu kommen, aber die Zivilkräfte gaben keine einzige Antwort.
Auf keines der drei vorhandenen Scheinwerke wurden Bomben platziert. Der Versuch, durch Scheinwerke Schaden und Zerstörung vom "Ammoniakwerk Merseburg GmbH die Leuna Werke" und der Wintershall AG-Lützkendorf abzuwenden, war zum Scheitern verurteilt. Beide Hydrierwerke wurden in Grund und Boden gebombt.
Den eigentlichen Anstoß zu diesem Bericht erhielt ich während unseres Treffens der Luftwaffenhelfer am 3.8.1996 durch den ehemaligen Luftwaffenhelfer Helmut Münch aus Wolfen. Er war 1944 in der Flak-Stellung 116 Posendorf stationiert. Helmut Münch war am 4 Meter Basis-Gerät eingesetzt, durch dessen Visier er in nördlicher Richtung immer Teile eines Scheinwerkes im Blickfeld hatte.

Winfried Czepluch..."

Entgegen den Ausführungen von Winfried Czepluch, dass keine Bomben auf die Scheinanlagen gefallen wären, steht ein Bericht von 1947. Im Bericht "The United States Strategic Bombing Survey - Ammoniakwerke Merseburg GMBH Leuna, Germany/ Oil Division" kann man auf Seite 17 unter "Decoy Plants" lesen, dass so wohl diese Anlagen bombardiert wurden. In den ersten sieben Angriffen fielen insgesamt 4550 Bomben auf die sogenannten "Lockvogel- Anlagen". Dies war ungefähr die gleiche Menge an Bomben die auch auf das Werksgelände der Ammoniakwerke Merseburg fielen, in den ersten sieben Angriffen. Bei einigen Angriffen fielen, laut Bericht, mehr Bomben in die Scheinwerke als auf das primäre Hauptziel.