Dr. Ernest W. Nagelstein und die Angst vor der deutschen Atombombe

Internes Schreiben der deutschen Abwehr Nov. 1939

Internes Schreiben der deutschen Abwehr Nov. 1939

Quelle: https://catalog.archives.gov/

Anlage zum internen Schreiben Nov. 1939

Anlage zum internen Schreiben Nov. 1939

Quelle: https://catalog.archives.gov/

Quelle: https://catalog.archives.gov/

Quelle: https://catalog.archives.gov/

Fernschreiben Wintershall AG, Werk Lützkendorf

Fernschreiben Wintershall AG, Werk Lützkendorf

Quelle: https://catalog.archives.gov/

Toepel/ Goudsmit ALSOS III Stadtilm, Thüringen

Toepel/ Goudsmit ALSOS III Stadtilm, Thüringen

Quelle: Wikipedia

Am 1. November 1944 befragten die ALSOS- Mitarbeiter (ALSOS II), Dr. S. A. Goudsmit und F. A. C. Wardenburg, den damaligen 39- jährigen Chemiker Dr. Ing. Ernest Walther Nagelstein. Seine Aussagen zu einer ihm zugetragenen Information über das deutsche Uranprojekt, ließen die amerikanische Seite in eine Art "Katalytischen Schock" verfallen. Obwohl Nagelstein nicht zum inneren Kreis des Uranprojektes gehörte, schürte er damit die große Angst der Amerikaner, Deutschland könnte einen nuklearen Vorsprung mit ihrem Uranprojekt besitzen. Diese Information trieb Amerika dazu, ihr eigenes Manhatten Projekt in Los Alamos in einen erbitterten Wettlauf gegen die Zeit maximal zu forcieren.

ALSOS bestand aus drei Missionen in Italien, Frankreich und Deutschland. Die Aufgabe war es herauszufinden, ob Deutschland an einem Programm zum Bau einer nuklearen Waffe forscht und wie weit dieses Programm voran gekommen ist. Dazu waren amerikanische Teams unterwegs die Informationen sammelten und versuchten die wissenschaftlichen Köpfe des Uranprojektes schnellst möglich habhaft zu werden, da Frankreich dieselbe Intentionen hatte. Weiterhin befürchtete man einen Wissenstransfer zu den Russen durch Jean Frédéric Joliot-Curie.

Dr. Ing. Ernest Walter Nagelstein

Dr. Ing. Ernest Walter Nagelstein

undatierte Aufnahme

Ernest Walter Nagelstein wird am 26. April 1905 im fränkischen Lauda (heutige Lauda-Königshofen) geboren. Von 1914 bis 1924 besuchte er das Gymnasium in Tauberbischofsheim. Im Anschluss studiert Nagelstein chemische Verfahrenstechnik und Apparatebau an der TH Karlsruhe und der TH Berlin-Charlottenburg. 1925 stirbt sein Vater und August Rosterg ermöglicht Nagelstein die Fortsetzung und Beendigung seines Studiums durch geldliche Zuwendungen und gut honorierter Ferienarbeit in den Wintershall-Werken (Spruchkammerverfahren A. Rosterg 1948, Eidesstattliche Erklärung Dr. Ing. E. W. Nagelstein 7. Sept. 1948). Im Dez. 1935 erhält er nach erfolgter Prüfung seinen Doktor der Ingenieurwissenschaften. Von 1932 arbeitet er als Labor-Leiter bei Wolff & Sohn in Karlsruhe und scheidet auf Grund der Nürnberger Gesetze im März 1936 aus dem Unternehmen aus. Er geht nach Griechenland zu einer Ölraffinerie und ab Mai 1937 in die Schweiz zu der Firma Givaudan. Givaudan arbeitet für das französische Militär und so beschäftigt sich Nagelstein in Genf mit Gasschutzmitteln gegen Yperit- Angriffe (Senfgas/ Lost). 1939 wird der deutsche militärische Abwehrdienst durch einen V- Mann auf Nagelstein aufmerksam. Man versucht in zur Rückkehr zu bewegen, und bietet ihm an, seine Mutter und seinen Bruder (Deportationslager Gurs) frei zu lassen. Im Gegenzug müsste er sich zu einer Mitarbeit auf dem Gebiet der chemischen Waffen verpflichten, einschließlich der Preisgabe seines Schutzpräparates gegen Gelbkreuz- Kampfstoffe. Nagelstein zögert und zwischenzeitlich verstirbt seine Mutter. Um seinen Bruder zu retten, geht er 1942 zurück nach Deutschland und wird noch an der Grenze von der deutschen Spionageabwehr verhaftet.

Wintershal A.G., Werk Lützkendorf Kasino (rechte Bildseite)

Wintershal A.G., Werk Lützkendorf Kasino (rechte Bildseite)

Quelle: www.dasgeiseltal.de

Nagelstein arbeitet von 1942 bis 1944 bei der Wintershall AG, Werk Lützkendorf. Vermutlich durch Fürsprache von August Rosterg bei Himmler. Er wohnt in Krumpa im werkseigenen Kasino, was Zimmerbelegungspläne die teilweise noch vorhanden sind (1.1.1943 - 1.8.1943 Kasino des Treibstoffwerkes Lützkendorf 1. Stock/ Anbau, Zimmer 4, Gast: Dr. Nagelstein) belegen. Von Mai bis August 1943 fungiert er als Berater der Sunlicht GmbH Berlin. Diese patentiert anonym sein Verfahren "Stabilisieren von Stoffen, die aktives Chlor enthalten, durch Zugabe von Puffersubstanzen...Verwendung der Mischungen als Desinfektionsmittel oder gegebenenfalls zusammen mit Salbengrundlagen gegen Kampfstoffe", das Ernst Nagelstein schon im März 1942 ( Chemisches Zentralblatt 31.3.1943, Nr. 13) in der Schweiz zum Patent angemeldet hat. Die Firma stellt es ca. 35 Millionen Mal her und verwertet die Lizenz durch Vergabe von Unterlizenzen (z.B. 4711 und Henckel).

Geheimdokument E. W. Nagelstein (H-98)

Geheimdokument E. W. Nagelstein (H-98)

Quelle: www.deutsches-museum.de

Nagelstein setzt sich mit gefälschten Papieren, die ihn 15.000,- RM kosteten, im März 1944 nach Paris ab. Bei der Beschaffung half im Oskar Stäbel der stellvertretende Direktor des VDI (eidesstattliche Erklärung N. im Spruchkammerverf. Oskar Stäbel). In Frankreich angekommen, wird er zunächst von Résistance-Leuten gefangen genommen, die ihn für einen deutschen Spion hielten. Am 2. November 1944 entsteht folgendes Verhörprotokoll, welches die ALSOS- Mitarbeitern verfassen:

2/11/44: H-98. Betreff: Verhör von Dr. Ing. Ernest

Nagelstein

Die oben genannte Person wurde am 1. November 1944 von Dr. S.A.

Goudsmit und Hr. F. A. C. Wardenburg verhört. Er ist ein deutscher Chemiker, 39 Jahre alt, der zwischen 1936 und 1942 in der Schweiz und vom Mai 1942 bis März 1944 in Deutschland arbeitete.

Er wohnte in Berlin im Haus von Frau Friedman, die Sekretärin von U.W. Doering war,einem Erfinder, der ein privates Labor in der Sursrezstrasse 48, Berlin-Charlottenburg hat. Doering hat zwei Erfindungen gemacht, die möglicherweise für die deutsche Kriegsanstrengung von Bedeutung sind. Die eine ist eine Serienrakete, die durch ultrakurze Wellen gelenkt wir, die andere ein Langstreckentorpedo.

Doering hatte Kenntnisse über die Arbeiten der Technische Akademie in Deutschland und gab Nagelstein die folgenden Informationen.

Prof. Hahn arbeitet am KWI in Berlin an dem Projekt. Die Atombombe besteht entweder aus Thorium oder Uran, Nagelstein ist sich aber nicht sicher welches davon. Doering sagte ihm jedoch, dass Auer metallisches Thorium herstellt und keine Verwendung von Thorium im metallischen Zustand bekannt ist. Unabhängig davon, ob Thorium oder Uran für eine Atombombe verwendet wird, muss ein Element hinzugefügt werden, um die Reaktion zu verlangsamen, und zu diesem Zweck werden 2% Cadmium verwendet. Es wurde berechnet, dass das Mindestgewicht für eine einzelne Bombe acht Tonnen beträgt.

Doering ist ein überzeugte Anti-Nazi. Er unternimmt gelegentlich Reisen in die Schweiz, und Nagelstein glaubt, dass er bereit sein wird, amerikanischen Wissenschaftlern Informationen zu geben, wenn er in der Schweiz interviewt wird.

Diese Aussagen war für die Amerikaner ein Alarmsignal, da sie in ihre Gedankenkette eines fortschrittlichen Uranprojektes der Deutschen meinten, ein weiteres passendes Puzzle- Stück gefunden zu haben. Bereits vorher hatte man Informationen, dass die Deutschen die belgischen Uranvorräte sicher stellten, und die französischen Thoriumvorräte bei der Räumung von Paris im August 1944 mitnahmen. Diese gingen an die Auer- Werke nach Oranienburg, die am 15. März 1945 vollständig durch einen gezielten Luftangriff der 8. US Air Force zerstört wurden. Zu dieser Aktion kam es, da die Amerikaner sich bewusst waren, dass sie dieses Gebiet nicht mehr besetzen können und den Sowjets weder Materialvorräte noch Verarbeitungsanlage in die Hände fallen sollte. Als Hauptziel wurde der Verschiebebahnhof angegeben, um die eigenen Verbündeten im atomaren Wettlauf zu täuschen. Durch die gezielte Zerstörung der Auer- Werke zum Kriegsende wurden riesige Mengen an Uran und Thorium pulverisiert, was Oranienburg bis heute zum schwersten radiologischen Erbe Deutschlands macht. Diese Pulverisierung durch TNT entspricht letztendlich dem Wirkprinzip einer Schmutzigen Bombe.

Unter zur Hilfenahme "Gedenkbuch für die Karlsruher Juden" >>Nagelstein, Regina<<