Am 1. November 1944 befragten die ALSOS- Mitarbeiter (ALSOS II), Dr. S. A. Goudsmit und F. A. C. Wardenburg, den damaligen 39- jährigen Chemiker Dr. Ing. Ernest Walther Nagelstein. Seine Aussagen zu einer ihm zugetragenen Information über das deutsche Uranprojekt, ließen die amerikanische Seite in eine Art "Katalytischen Schock" verfallen. Obwohl Nagelstein nicht zum inneren Kreis des Uranprojektes gehörte, schürte er damit die große Angst der Amerikaner, Deutschland könnte einen nuklearen Vorsprung mit ihrem Uranprojekt besitzen. Diese Information trieb Amerika dazu, ihr eigenes Manhatten Projekt in Los Alamos in einen erbitterten Wettlauf gegen die Zeit maximal zu forcieren.
ALSOS bestand aus drei Missionen in Italien, Frankreich und Deutschland. Die Aufgabe war es herauszufinden, ob Deutschland an einem Programm zum Bau einer nuklearen Waffe forscht und wie weit dieses Programm voran gekommen ist. Dazu waren amerikanische Teams unterwegs die Informationen sammelten und versuchten die wissenschaftlichen Köpfe des Uranprojektes schnellst möglich habhaft zu werden, da Frankreich dieselbe Intentionen hatte. Weiterhin befürchtete man einen Wissenstransfer zu den Russen durch Jean Frédéric Joliot-Curie.
Ernest Walter Nagelstein wird am 26. April 1905 im fränkischen Lauda (heutige Lauda-Königshofen) geboren. Von 1914 bis 1924 besuchte er das Gymnasium in Tauberbischofsheim. Im Anschluss studiert Nagelstein chemische Verfahrenstechnik und Apparatebau an der TH Karlsruhe und der TH Berlin-Charlottenburg. 1925 stirbt sein Vater und August Rosterg ermöglicht Nagelstein die Fortsetzung und Beendigung seines Studiums durch geldliche Zuwendungen und gut honorierter Ferienarbeit in den Wintershall-Werken (Spruchkammerverfahren A. Rosterg 1948, Eidesstattliche Erklärung Dr. Ing. E. W. Nagelstein 7. Sept. 1948). Im Dez. 1935 erhält er nach erfolgter Prüfung seinen Doktor der Ingenieurwissenschaften. Von 1932 arbeitet er als Labor-Leiter bei Wolff & Sohn in Karlsruhe und scheidet auf Grund der Nürnberger Gesetze im März 1936 aus dem Unternehmen aus. Er geht nach Griechenland zu einer Ölraffinerie und ab Mai 1937 in die Schweiz zu der Firma Givaudan. Givaudan arbeitet für das französische Militär und so beschäftigt sich Nagelstein in Genf mit Gasschutzmitteln gegen Yperit- Angriffe (Senfgas/ Lost). 1939 wird der deutsche militärische Abwehrdienst durch einen V- Mann auf Nagelstein aufmerksam. Man versucht in zur Rückkehr zu bewegen, und bietet ihm an, seine Mutter und seinen Bruder (Deportationslager Gurs) frei zu lassen. Im Gegenzug müsste er sich zu einer Mitarbeit auf dem Gebiet der chemischen Waffen verpflichten, einschließlich der Preisgabe seines Schutzpräparates gegen Gelbkreuz- Kampfstoffe. Nagelstein zögert und zwischenzeitlich verstirbt seine Mutter. Um seinen Bruder zu retten, geht er 1942 zurück nach Deutschland und wird noch an der Grenze von der deutschen Spionageabwehr verhaftet.
Nagelstein arbeitet von 1942 bis 1944 bei der Wintershall AG, Werk Lützkendorf. Vermutlich durch Fürsprache von August Rosterg bei Himmler. Er wohnt in Krumpa im werkseigenen Kasino, was Zimmerbelegungspläne die teilweise noch vorhanden sind (1.1.1943 - 1.8.1943 Kasino des Treibstoffwerkes Lützkendorf 1. Stock/ Anbau, Zimmer 4, Gast: Dr. Nagelstein) belegen. Von Mai bis August 1943 fungiert er als Berater der Sunlicht GmbH Berlin. Diese patentiert anonym sein Verfahren "Stabilisieren von Stoffen, die aktives Chlor enthalten, durch Zugabe von Puffersubstanzen...Verwendung der Mischungen als Desinfektionsmittel oder gegebenenfalls zusammen mit Salbengrundlagen gegen Kampfstoffe", das Ernst Nagelstein schon im März 1942 ( Chemisches Zentralblatt 31.3.1943, Nr. 13) in der Schweiz zum Patent angemeldet hat. Die Firma stellt es ca. 35 Millionen Mal her und verwertet die Lizenz durch Vergabe von Unterlizenzen (z.B. 4711 und Henckel).
